Wir müssen reden. Mich nervt gerade einiges, insbesondere Menschen, die über Privilegien und Intersektionalität reden und sich dabei wahnsinnig reflektiert finden. Über Bachelorstudentinnen, die Interviewanfragen an komplett unprivilegierte Menschen stellen, die neben der Erwerbsarbeit kaum Zeit haben – um dann zu sagen, dass sie sich ihrer Privilegien bewusst sind, aber dass es total wichtig sei, bei ihrem weltbewegenden Interview dabei zu sein. Für die Bachelorarbeit, die außer den Dozenten, die sie lesen müssen, wahrscheinlich schlicht niemanden interessiert. Um dann teilweise auch noch sauer zu werden, wenn man dieses nicht wahrnimmt.
Egal – ich muss mir das hier einfach mal von der Seele schreiben. Kommentiert gerne eure Meinung dazu.
Seit einiger Zeit ist das Sprechen über Privilegien selbst zum Thema geworden. Auf den ersten Blick ist das eigentlich eine gute Sache: Wir alle haben Privilegien – manche mehr, manche weniger, und in verschiedenen Lebensbereichen auf unterschiedliche Weise. Genau darin liegt aber schon die erste Schwierigkeit.
In Diskursen, bei denen es um vermeintlich nicht-privilegierte Menschen geht, wird das Fehlen von Privilegien oft dazu genutzt, für Menschen zu sprechen, denen man unterstellt, sie könnten nicht selbst sprechen. Das erzeugt eine strukturelle Schieflage: Plötzlich dominieren Menschen mit Privilegien den Diskurs über Menschen, die als unterprivilegiert gelten – und nicht mit ihnen.
Viele Menschen aus diesen sogenannten „unterprivilegierten“ Gruppen lehnen das zu Recht ab und sprechen selbst – über sich, für sich. Was dann häufig passiert, ist erschütternd: Genau jene, die behaupten, im Namen dieser Gruppen zu sprechen, erheben sich über die tatsächlich Betroffenen. Sie beschämen sie mit dem Verweis auf angebliche eigene Privilegien und sprechen ihnen damit das Recht ab, ihre eigene Betroffenheit zu artikulieren.
Gleichzeitig werden in ebenjenen Kreisen viele Vorträge über Intersektionalität und Privilegienreflexion gehalten. Was dabei aber auffällig oft fehlt, ist die Auseinandersetzung mit den grundlegendsten eigenen Privilegien: Habe ich eine Hochschulzugangsberechtigung? Habe ich einen in Deutschland anerkannten Berufsabschluss? Beides ist hierzulande zunehmend Voraussetzung für eine stabile Teilhabe am Arbeitsmarkt – und damit an gesellschaftlicher Sicherheit.
Viele, die sich finanziell unterprivilegiert fühlen, sehen dabei nicht, dass ein festes Einkommen, eine gesicherte Krankenversicherung und eine Erbschaftserwartung ein Leben ermöglichen, das weit über dem liegt, was Menschen ohne Hochschulzugang oder Berufsabschluss je erreichen können. [Leseempfehlung: Ausstieg aus der Holzklasse]
Ich verstehe zunehmend nicht, warum Menschen, die sich offensichtlich mit Intersektionalität, Privilegien und Diskriminierung beschäftigen, so viele blinde Flecken in ihrer Selbstreflexion haben. Und warum es so schwerfällt, anstatt für Betroffene zu sprechen, Betroffene zu empowern, damit sie selbst sprechen können.
Meine – zugegebenermaßen unbequeme – These lautet: Menschen mit Hochschulabschluss, Erbschaftserwartung und gesichertem Einkommen wollen sich ihre komfortable Weltwahrnehmung nicht zerstören lassen. Sie haben ein subtiles Interesse daran, dass am Tisch des Wohlstands nicht mehr Platz genommen wird. Das Perfide daran ist, dass die Arbeit mit Konzepten wie Intersektionalität und Privilegienkritik genau dazu genutzt wird – nicht um Verhältnisse zu verändern, sondern um sie zu zementieren. [Lesemepfehlung: Catherine Liu über Wokeness: „Raus aus den Kulturkämpfen!“ ]
Wie kommen wir da raus? Ein paar Gedanken:
Mehr ehrliche Selbstreflexion – auch wenn sie wehtut. Wer das Gefühl hat, für eine Gruppe sprechen zu müssen, sollte innehalten: Nicht das eigene Wort erheben, sondern jemandem aus dieser Gruppe die Bühne geben – und sie so weit empowern, dass sie diese Bühne auch wirklich nutzen kann.
Und schließlich: Es wird nicht funktionieren, wenn alle nur mehr bekommen, ohne dass sich strukturell etwas verändert. Der Tisch muss wirklich voller werden – nicht durch symbolische Einladungen, sondern durch echte Umverteilung von Ressourcen, Zugängen und Macht.
Ich denke, tatsächlich zentral ist es, nicht nur über Klasse und eigene Privilegien zu sprechen, sondern das Gespräch mit allen zu suchen. Dazu braucht es zum einen Räume, in denen das möglich ist, und auf der anderen Seite Zeit, Empowerment und Peer-to-Peer-Strukturen zu stärken.